Sonntag, März 17, 2013

Erwirtschaftungen

Ich hasse Briekästen!
Ausser euphemistischer Post von Heilbetrügern und Konzernen, auf die der gemeine Mieter angewiesen ist, liegen nur noch selten Postkarten  oder handgeschriebene Briefe in dem beigen Blechkasten. Strom- und Gaslieferanten schreiben regelmäßig von den gestiegenen Beschaffungskosten, die sie nun leider, leider an mich weitergeben müssten, da sonst die eh schon in Lumpen gewandeten Vorstände ihre immer teuerer werdende Currywurst nicht mehr bezahlen könnten. Zwischen den Zeilen vermag man das Ächzen der Verantwortungsträger zu hören, hie- und da hat eine einzelne Träne das Briefpapier gewellt.
An jedem Jahresende dann  die Metamorphose: … der Konzern XY hat zum vierten Mal in Folge einen Rekordgewinn von 1,5 Mrd. Euro erwirtschaftet. Die Träne war eine Krokodilsträne und  Lumpen waren nicht die Kleider, eher der Inhalt…
ERWIRTSCHAFTET” ist der Euphemismus für die gnadenlose Abzocke der Marktmonopolisten, der neoliberalen Räuber. Einst die Tätigkeit des klassischen, hanseatischen Kaufmanns, des ehrlichen, rechtschaffenden Bürgers. Wir stellen uns einen, im Kontor eifrig hin- und herlaufenden Händler vor, telefonierend und Handschlagsgeschäfte mit einem -ebenso über jeden Betrugsverdacht erhabenen- Partner abschließen.  “ERWIRTSCHAFTET”, wie ehrlich und wohl das einmal klang. Es war der Gewinn, der nach einem Jahr anstrengenden Handels für den Kaufmann übrig blieb, die Taler waren hart und fair erarbeitet.
Das Bezirksamt schreibt heute: im zwei Monaten werde die “BEWIRTSCHAFTUNG” der Parkplätze meines Viertels eingeführt. Und das sei nicht, um zu kassieren, nein, nein! Nach nächtelangen, kräftezehrenden Beratungen seien die Abgeordneten zu der Einsicht gekommen, Parkautomaten seien hier unumgänglich, natürlich nur im Interesse der Anwohner. Die Touristen würde zukünftig die Gegend meiden und es blieben mehr Parkplätze für Anwohner. Vergessen haben die Entscheider, das die hiesige Parkplatznot durch schon existierende, benachbarte Kostenpflicht entstanden ist. Warum heist das Aufstellen von Parkscheinautomaten “BEWIRTSCHAFTUNG”? Natürlich “wirtschaftet” kein Bezirksangestellter auf oder an den Parkplätzen, was sollte er dort tun? Ständig fegen, die Bordsteine mit einem feuchten Lappen abwischen, mit den Parkenden kommunizieren? Nein, natürlich wird mit der “BEWIRTSCHAFTUNG”  “ERWIRTSCHAFTET”, einfach nur kassiert, das Geld liegt eben auf der Strasse, man muss es nur aufheben.
Abzusehen sind in naher Zukunft daher Pressemeldungen wie (den Euro gibt es ja nicht mehr lange) diese:
  • …der Angeklagte gestand: erst habe ich ihn erschlagen und dann bei seiner Versicherung hunderttausend Mark erwirtschaftet.
  • der Drogendealer K. hatte ein Messer, 10 Gramm Rauschgift und 10.000 Mark erwirtschafteten Geldes bei sich.
  • Mit der Bewirtschaftung des Indischen Ozeans erwirtschaften Piraten jedes Jahr 10 Mio. Dollar.

…Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank.

Dienstag, Februar 26, 2013

Kietzkommunikation

Hinunter bis zur Greifswalder Strasse, dort fährt die Strassenbahn: ein Hindernislauf.
Vor der Haustür blockieren mehrere Kinderwagen den Zugang zum Fussweg, die potentiellen Insassen taumeln ziellos über das winterglatte Pflaster. Mal zwischen den Beinen der Eltern herum, mal einfach so, nach links- oder rechts, unberechenbar. Alle wohlgestylten Eltern scheinen sich gut zu kennen, allen geht es “Super”, es wird mit aufgesetzter Gestik fabuliert. Die Sprache überdeutlich, die Worte bedeutungsschwer und wissend. Komiker Grillo, Berlusconi und ähnliche italienische Wahlsieger werden in der Berliner Szenestrasse “kommuniziert”. Warum immer wieder auf den Beruf Grillos hingewiesen wird, ist unklar. Schliesslich sollte ein guter Komiker einen besseren Politiker abgeben können, als ein krimineller Entertainer. Korrekt müsste es dann heissen: der Komiker Grillo und der Kriminelle Berlusconi… . Aber es ist immer nur Grillo, dessen Beruf an seinem Namen zu kleben scheint.
Vielleicht ist es der sprichwörtliche Deutsche Neid (der asozialen, eingewanderten Neudeppen vom Prenzlauer Berg) auf einen guten Komiker in der Regierung. Kriminelle hatten wir dort ja schon genug, aber leider nur schlechte Komiker.
Zugestöpselte Hipster stürmen auf Rempelkurs entgegen; halboffene Münder, die den Mimiken einen dämlichen Grundton aufprägt. Alle Augenblicke nuckeln sie an der zur Grundausstattung gehörenden Bierflasche oder irgendeinem “togo- Gesöff”.  Einer gähnt, dass man meint, die Pflastersteine unter ihm zählen zu können.
In der Strassenbahn lehnt ein Mann am Fenster, blickt auf den Verkehr und singt sehr leise. Es ist unglaublich ehrlich, unglaublich beruhigend…