Montag, Januar 21, 2008

Rumänien

Rumänienhilfe


Von den ersten Seiten der Magazine blicken zwei besorgte Frauengesichter am Leser vorbei.
Eine mittelalte Dame mit ordentlicher Dauerwelle und daneben eine jüngere; fast scheint es so als dass sie ihren Kopf trostsuchend an den der älteren lehnen möchte.
Ihr junges Gesicht, mit den sorgfältig nachgezogenen Augenbrauen, ist braun wie die Haut eines knusprigen Brathähnchen.
Bochum, Januar 2008: beide Frauen sind bald arbeitslos. Nokia verlagert die Produktion seiner Funktelefone nach Rumänien, 2300 Arbeitsplätze fallen in Deutschland weg, in Rumänien entstehen dafür 3500 neue.
Die frischgebackenen Arbeitslosen sind ratlos: wie kann das sein, dass ihnen der IKEA- Teppich unter den Füssen weggezogen wird? Wer erlaubt denn sowas im zivilisierten Deutschland? In Rumanien oder Polen, ja da kann das schon noch passieren. Aber die haben ja kein richtiges Haus und Auto abzuzahlen und sind noch nicht so an den Wohlstand gewöhnt. Was sollen die dort mit soviel Geld im Monat? Das wäre nicht gut, das vertrinken die Männer alles.
Geholfen haben wir denen auch immer. Alles, was wir nicht mehr brauchten, haben wir dem Pfarrer gegeben- der hat dann einmal im Jahr einen Ausflug nach Siebenbürgen gemacht, alle unsere alten Sachen an die Armen verteilt, das Fernsehen war auch oft dabei.
Und nun so eine Undankbarkeit. Die hätten sich ruhig an unsere Großzügigkeit erinnern können und noch ein paar Jahre weiter ihre Schweine auf dem Vorstadtacker von Klausenburg hüten können, anstelle den an die Finnen zu verkaufen.
Das mit dem Beitritt zur EU war auch nicht so gemeint, es sollte doch mehr ein "über den Kopf streichen" sein: ja,ja, ihr gehört doch auch zu Europa.
Und Nokia sollte sich mal ein Vorbild an den meisten Deutschen Konzernen nehmen. Die sind viel rücksichtsvoller. Wenn die mal Preise erhöhen, lassen sie sich was einfallen. Die BEWAG in Berlin sponserte "Märchenerzähler" im letzten November, und die GASAG erklärte, nicht einfach nur Gas verkaufen zu wollen, sondern "viel mehr". Was das sein soll bleibt im dunkelen, aber Märchenerzähler haben bei der BEWAG eine lange Tradition; immer wenn das Unternehmen zum jährlichen Spagat zwischen steigenden Gewinn und der Begründung einer Preiserhöhung antritt. Da ist der beste Märchenerzähler gerade gut genug.
Den Vogel schießt allerdings die städtische Müllabfuhr ab. Die Müllfahrer auf den Berliner Plakaten werben im orangen Gewändern damit, ihre Arbeit aus Leidenschaft zu verrichten. Orange Gewänder sind das Kennzeichen buddhistischer Bettelmönche, keine schlechte Idee. Bescheidenheit steht jedem Unternehmen gut. Aber Müllmann sein aus Leidenschaft? Das klingt krank. Jedenfalls sind die Müllmänner, die mit geilem Blick und heraushängender Zunge Hundehaufen -mit einem biegsamen Kunststoffrüssel- einsammeln, eher selten. Selbstbefriedigung mit Müll- ja das wirds schon geben. Vor Jahren schrieb ein amerikanischer Mediziner eine Doktorarbeit über penale Verletzungen nach dem Verkehr mit Staubsaugern. Dann wäre eine modifizierte Neuauflage fällig, etwas moderner formuliert: "Fäkalsex mit der Hundkotsammelmaschine", oder: "der moderne Garbage-Manager und die Lust zur Arbeit", vielleicht auch: "Sex und Sperrmüll; über SM auf den Wertstoffhöfen".
Irgendwie will ich aber an die massenhafte Verirrung des Sexualtriebes bei der Berliner Müllabfuhr nicht glauben. Eher an ein Unglück der zuständigen Werbeagentur. Warum wird die Müllabfuhr überhaupt beworben?
Weil ein Etat eingeplant ist!
Die einfallsloseren, brutalen Unternehmer, wie der Milchmüller, werden in Deutschland abgestraft. Selber schuld, warum läßt der sich auch keine vernünftige Ausrede einfallen, wenn er mit Subventionen ein neues Werk baut und dann das alte schließt? Schlagworte stehen doch genug zur Verfügung: "Kohlendioxid, Terroristen, Weltfrieden, Ökologie oder Biowirtschaft, Elektrosmog, Erdstrahlen, Feng Shui" um nur an ein paar zu erinnern. Müller hätte bloß ein Milliönchen in die Hand nehmen müssen, und eine Werbefima -die`s richtet- wäre schnell gefunden...